Die orthodoxe Tradition

Zur orthodoxen Tradition gehören zwei große Kirchenfamilien: die „östlich-orthodoxe", die aus der byzantinischen Reichskirche erwuchs und die „orientalisch-orthodoxe", die aus dem Gebiet östlich des Römischen Reiches stammt.

Als „orthodox" bezeichnen sich beide. Es bedeutet „rechtgläubig" und „recht preisend". Diese Charakterisierung ihres Glaubens haben die Gegner des sog. Arianismus im 4. Jh. n. Chr. für sich in Anspruch genommen. Sie widersprachen der arianischen Lehre, dass Jesus Christus ein Geschöpf sei und damit nicht anfangslos.

Die Trennung der orthodoxen Kirchen in die „östlich-orthodoxe" und die „orientalisch-orthodoxe" Tradition geht ins 5.Jhr. zurück. Bis dahin wurden regelmäßig große gemeinsame Tagungen für das ganze römische Reich einberufen. Sie sind als Ökumenische Konzilien bekannt. Besprochen wurden Fragen der Glaubenslehre, der Jurisdiktion, des kirchlichen Kalenders und der Kirchendisziplin. Nach dem Konzil von Ephesus (431) und dem vierten Konzil von Chalzedon (451) sahen sich einige östliche Kirchen gezwungen einen von der Reichskirche unabhängigen Weg zu gehen. Sie werden deshalb in der Literatur manchmal „vorchalzedonensische" Kirchen genannt.

Organisatorisch sind orthodoxe Kirchen beider Traditionen idealtypisch selbständig und beruhen auf der kulturellen Gemeinschaft eines Landes oder Volkes. An der Spitze der Kirche steht der Patriarch bzw. Katholikos und die Synode der Bischöfe, die über die Belange der Kirche entscheiden. Der Patriarch von Konstantinopel ist der Ehrenvorsitzende der östlich-orthodoxen Kirchengemeinschaft und vertritt diese auf Weltebene. In der orientalisch-orthodoxen Tradition übt kein Patriarch bzw. Katholikos eine Vorrangstellung aus.

Die östlich-orthodoxe Tradition 

Zur östlich-orthodxen (auch: byznatinischen) Kirchenfamilie gehören: das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika, das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Antiochien und ganz Asien, das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem, die Russische Orthodoxe Kirche, die Georgische Orthodoxe Kirche, die Serbische Orthodoxe Kirche, die Rumänische Orthodoxe Kirche, die Bulgarische Orthodoxe Kirche, die Orthodoxe Kirche von Zypern, die Orthodoxe Kirche von Griechenland, die Autokephale Orthodoxe Kirche Polens, die Orthodoxe Kirche in Tschechien und der Slowakei, die Albanisch Orthodoxe Kirche

All diese Kirche bekennen dieselbe Glaubenslehre, ihre Gottesdienste haben die gleiche Entwicklung hinter sich, bedienen sich aber verschiedener Sprachen: u.a. griechisch, arabisch, Altgeorgisch, Kirchenslawisch, aber auch englisch, finnisch und japanisch.

Wer einen Kirchenraum betritt, der in der byzantinischen Tradition steht, dem fallen wahrscheinlich zu die Ikonen und die Ikonenenwand (die Ikonostase) auf. Eine Ikone ist zweierlei: zum einen, eine gemalte Bibel bzw. gemalte Predigt. Zum anderen ein „Fenster in eine andere Welt" (Pavel Florenskij). Sie bildet Dinge ab, die sich nicht wirklich abbilden lassen. Deshalb verwendet sie eine eigene Sprache. Alles erhält ein anderes Aussehen: die Menschen, die Landschaft, die Tiere. Damit wird auf die Andersartigkeit der göttlichen Wirklichkeit hingewiesen. Die Ikone ist nicht als Kunstobjekt schön, sondern sie weist auf die Schönheit schlechthin, auf Gott und die Menschen, die sein Heil verkündet und verkörpert haben, hin. Ihre Verehrung gilt nicht dem Abbild, sondern dem Urbild.

In einem orthodoxen Gottesdienst (beider Traditionen) werden alle Sinne des Menschen angesprochen durch die wechselnden Paramente und Priesterkleider, den Weihrauch, die Ikonen, die unterschiedliche Körperhaltung, die Lesungen, die Gesänge und die Predigt.

Der menschliche Körper wird grundsätzlich ernst genommen. Er ist nicht nur eine Hülle für die Vernunft, sondern gehört wesentlich zum Menschen dazu. Ihm wird auch die Fähigkeit zugesprochen, nach seiner Läuterung, an der Gottesschau teilnehmen zu können. Diese Schau, die durch die Teilnahme am Gottesdienst möglich ist, lässt den Gläubigen ahnen, was ihn im Jenseits erwartet: vollkommene Erleuchtung, unbeschwerte Freude und Einsicht in die Geheimnisse Gottes.

Die orientalisch-orthodoxe Tradition

Zur orientalisch-orthodoxen Kirchenfamilie gehören die Kirchen der Armenier, der Kopten, der Äthiopier, der Syrer, der Eritreer und der Inder. Sie sind heute weltweit vertreten. In Deutschland ist jede dieser Kirchen mit eigenen Priestern vertreten.

Geprägt sind sie durch ihre Geschichte. Sie wurden in ihrer Heimat schweren Verfolgungen ausgesetzt und sind in der Gegenwart, anders als zur Zeit der arabischen Eroberung und noch lange danach, nur noch eine kleine Minderheit in der islamischen Welt.

In vielem unterscheiden sich die östlich-orthodoxe Tradition und die orientalisch-orthodoxe Tradition nicht. Aber im Kirchenraum findet man statt einer Ikonenwand häufig einen Vorhang und während in den orthodoxen Kirchen der byzantinischen Traditionen nur gesungen wird, findet in der armenischen Liturgie beispielsweise auch die Orgel Verwendung. In der äthiopischen Liturgie spielen Trommeln einen besondere Rolle und auch der Tanz.

Die Trennung von Kirche und Volk kennen die orientalisch-orthodoxen Kirchen nicht. Dadurch konnten sie durch die Jahrhunderte auch ihre ethnische Identität wahren. Einige der Kirchen feiern die Liturgie in ihren alten Kirchensprachen. Sie werden zwar nicht mehr gesprochen, haben aber durch die Jahrhunderte geholfen, dass die Kirchen und die Völker überlebt haben. Nur die Kopten wechselten ins Arabische.

Wesentlich für die orientalisch-orthodoxe Tradition ist die Betonung der Göttlichkeit Christi (sie impliziert nicht eine Verneinung seiner Menschlichkeit) und das Wissen darum, dass sie von etwas Unaussagbaren Aussagen macht. Deshalb wird nicht nur das Abendmahl als „Geheimnis" bezeichnet, sondern alle Sakramente. Sie nehmen den Gläubigen mit in das letzte und größte Geheimnis, das Gott selbst ist.