Die protestantische Tradition

Der weltweite Protestantismus ist ein weitverzweigtes Gebilde. Seinen Ausgangspunkt hat er im mittelalterlichen Europa. Von da aus hat er sich über die ganze Welt ausgebreitet und kehrt in neuen Formen durch die Migration wieder nach Europa zurück. Durch die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und politischen Umstände, in denen der Protestantismus heimisch geworden ist, können wir deshalb gegenwärtig in Baden einen bunten und vielgestaltigen Protestantismus erleben.

Viele Kirchen und Gemeinden, die in Baden von Migrantinnen und Migranten gegründet werden, stehen in der Tradition der Reformation. Manche werden in Deutschland frei und unabhängig von der Kirche im Herkunftsland gegründet, manche sind als Filialgemeinde ihrer Heimatkirche zu verstehen, die nicht selten partnerschaftliche Beziehungen zur Evangelischen Landeskirche in Baden oder einer anderen EKD-Mitgliedskirche pflegt.

In den „protestantischen Dschungel" werden hier nur einige Schneisen geschlagen, die für eine erste Orientierung vor einem Gottesdienstbesuch relevant sein könnten.

Methodistische Kirchen

Methodistische Kirchen haben ihren Ursprung in der Bewegung des Methodismus. Diese Bewegung hat im 18.Jh. zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft in England aufgerufen. Besonders wichtig waren Evangelisation, soziale Verantwortung und Mission. Die Bewegung mündete in der Gründung einer eigenen Kirche. Zuerst in Nordamerika (1784), danach auch in England und anderen Ländern.

Die liturgische Gestaltung methodistischer Gottesdienste ist der der Evangelischen Landeskirche in Baden ähnlich.

Zur methodistischen Kirchenfamilie gehören weltweit etwa 70 Millionen Christinnen und Christen.

Baptistische Kirchen

Der gegenwärtige Baptismus ist vor allem durch Mission und Evangelisation zu kennzeichnen. Ihr bekanntester Vertreter ist wahrscheinlich der amerikanische Evangelist Billy Graham. Die Gemeinden können aber sehr verschieden sein, weil sowohl die charismatische Bewegung wie auch der Fundamentalismus Eingang gefunden haben.

Die Baptistische Bewegung geht auf Auseinandersetzunge innerhalb der Church of England, also des Anglikanismus, zurück. Unter Königin Elizabeth I. (Königin von 1558-1603) kam es innerhalb der Priesterschaft zu Streitigkeiten bezüglich der Reformbemühungen, die die Kirche von England von den als katholisch empfundenen Resten reinigen sollte. Den sog. nonkonfirmistischen Priestern ging der Reformwille der Bischöfe nicht weit genug. Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurde klar, dass angesichts der gegebenen Machtverhältnisse die Reformen nur außerhalb der Church of England durchgeführt werden konnten.

1581 gründete Robert Brown (1550-1633) die erste separatistische Gemeinde in Norwich. Kennzeichnend für die Bewegung ist von Anfang das kongregationalistische Verfassungsmodell (congregatio=Einzelgemeinde): die Kirche schließt sich aus einzelnen Ortsgemeinden zusammen, die ihre Angelegenheiten selbständig regeln.

In Gainsborough wurde von dem ehemaligen anglikanischen Priester John Smyth eine Gemeinde nach demselben Modell gegründet. Sie wuchs so stark, dass sie sich teilen musste und schließlich ein Teil der Gemeinde erst nach Amsterdam und dann 1620 mit der Mayflower in die Neue Welt segelte. Sie gingen als „Pilgerväter" in die Geschichte ein und bildeten den Kern, der sich in Neu England entwickelnden „Kongreationalistischen Kirche".

Smyth hatte bereits 1609 sich und 40 Glieder seiner Gemeinde getauft. Die Notwendigkeit einer erneuerten Taufpraxis erschloß sich Symth aus seinem Verständnis der Bibel. In der Taufe erkannte er einerseits die „Eingangspforte zur Kirche", und andererseits sah er für die Taufe Neugeborener im Neuen Testament keinen Anhalt. Damit zur wahren Kirche nur wahrhaft Gläubige gehörten, lehnte er die Säuglingstaufe ab.

In der Neuen Welt entstand die erste Baptistengemeinde 1639 in Providence, Rhode Island, durch den puritanischen Separatisten Roger Williams (1603-1684). Mit dem Arzt und Pastor John Clarke schuf er eine neue Kolonie, in der volle Religionsfreiheit für alle Bewohner eingeführt wurde.

Der Baptismus hat sich von England und den USA in die ganze Welt ausgebreitet.

1792 wurde die erste Missionsgesellschaft gegründet (Baptist Missionary Society). William Carey, Missionar in Indien schlug vor, um die Missionsarbeit der unterschiedlichen Kirchen und Gesellschaften zu koordinieren alle 10 Jahre eine Weltmissionskonferenz durchzuführen. Die erste sollte 1810 am Kap der Guten Hoffnung stattfinden, trat aber erst 100 Jahre in Edinburgh zusammen. Sie gilt als Beginn der modernen ökumenischen Bewegung.

Freikirchen

Die Vielfalt der Freikirchen auf einen Nenner zu bringen ist nicht möglich. Hier nur einige wenige formale und empirische Kennzeichen.

Mit dem Adjektiv „frei" soll angezeigt werden, dass man hinsichtlich der Kirchenverfassung „frei" von staatlicher Bevormundung ist. Die Verbindung von Bischof und König oder Thron und Altar empfanden Freikirchler in der Geschichte als verhängnisvolle Fehlentwicklung. Eine vergesellschaftete Form von Religion mit einem Alleinvertretungsanspruch der Kirche für ein bestimmtes Territorium wurde abgelehnt.

Diese historische Situation hat sich grundlegend geändert. Auch die Territorialkirchen in Deutschland lehnen heute staatliche Bevormundung ab. Beide sind „Körperschaften des öffentlichen Rechts".

Auch heute legen Freikirchen großen Wert darauf von Bindungen und Abhängigkeiten zu jeder anderen Institution, insbesondere dem Staat, und Instanz außerhalb ihrer Gemeinde frei zu sein.

Freikirchen wenden sich dezidiert gegen das volkskirchliche Prinzip, nachdem Menschen in der Regel durch Säugnlingstaufe ohne eigene Entscheidung in die Kirchenzugehörigkeit geführt werden.

Freikirchen verstehen oft ihr „Kirchesein" nicht als weiträumige Institution oder Ämterhierarchie mit entsprechendem Verwaltungsapparat, sondern verstehen die je einzelne überschaubare Gemeinde der Glaubenden als eigentliche Kirche. Manche Freikirchen bilden einen Bund, dem die jeweils autonomen einzelnen Gemeinden freiwillig beigetreten sind.

Glaubensentscheidung und Bekehrung finden für viele Freikirchler als plötzliche Lebenswende statt. Hier wird manchmal von einer „Wiedergeburt" oder einer „Geisttaufe" gesprochen in Abgrenzung zum äußerlichen Vollzug der Taufe mit Wasser.

Sakramente (Taufe und Abendmahl) werden in der Regel seltener gespendet als beispielsweise in den lutherischen oder unierten Gliedkirchen der EKD. Als entscheidend gilt das Bekenntnis zu Jesus Christus und der Beginn eines neuen Lebens im Glauben und in der Hingabe.

Pfingstbewegung

Eine Pfingstgemeinde kann sich als Hausgemeinde formieren, in Bürogebäuden treffen oder als Mega-Kirche Stadien füllen. In Deutschland ist die Pfingstbewegung eine Minderheit. Zur größten Pfingstlichen Körperschaft, dem Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden gehören 40000 Mitglieder. Das verstellt den Blick auf das dynamische Wachstum der Pfingstbewegung weltweit. Mittlerweile können fast ein Viertel der Christenheit der jungen Bewegung zugerechnet werden. In Asien, Afrika und Lateinamerika ist nicht nur ein großes Wachstum zu beobachten, sondern auch eine Veränderung der klassischen Missionskirchen, die immer mehr Elemente der pfingstlichen Praxis und Theologie übernehmen. Mancherorts kann ein lutherischer Gottesdienst nicht von einem pfingstlichen unterschieden werden. In den internationalen Pfingstgemeinden in Deutschland spiegelt sich diese Entwicklung.

Im Folgenden werden einige spezifische Merkmale der weltweiten Pfingstbewegung herausgehoben.

Der Gottesdienst beginnt mit Lobpreisliedern. Oft leitet eine Band mit Sängern die Gemeinde an. Der Lobpreis kann übergehen in lautes und simultanes Gebet mit Zungenrede. Zungenrede gilt als Zeichen der Geistbegabung der Gläubigen.

Neulinge im Gottesdienst werden in der Regel persönlich begrüßt und gebeten sich vorzustellen.

Gepredigt wird meistens vom Pastor der Gemeinde. Die Predigten sind eher selten die Auslegung einer Geschichte, sondern verfolgen ein Thema, zu dem verschieden Bibelstellen befragt werden. Die Gemeinde bestätigt und beteiligt sich an der Predigt durch Zurufe wie „Amen" oder „Halleluja".

Oft besteht die Möglichkeit im Gottesdienst ein Glaubenszeugnis abzulegen und es ist Raum für eine Bekehrung.