Interview Migrationsberatung

Migrationsarbeit schärft den Blick - Ein Gespräch mit zwei Migrationsberaterinnen

Regine  Nock-Azari ist seit 24 Jahren beim Diakonischen Werk beschäftigt. Sie war viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit und in der Beratung von Spätaussiedlern tätig. Seit 2005 arbeitet sie in der Mannheimer Innenstadt (R3,3) in der Migrationsberatung.

 

Birgit Schünemann arbeitet seit mehr als 26 Jahren für den Caritas-Verband. Zuvor war sie in der Vorschul- und Heimerziehung tätig, anschließend in der Spätaussiedlerberatung. Seit 2005 berät sie Migranten in einem Büro in Mannheim-Hochstätt und Mannheim-Rheinau.

 

Maibritt Gustrau: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Birgit Schünemann: Ich habe zwei Mal die Woche eine offene Sprechstunde, das ist mit Vor- und Nacharbeit verbunden.  Ansonsten pflege ich Kontakt zu Behörden, anderen Fachdiensten oder Rechtsanwälten, wenn es um schwierige Fragen geht. Fortbildungen gehören dazu, damit wir immer auf dem neuesten Stand sind, was Gesetzesänderungen angeht. Netzwerkarbeit ist wichtig. Wenn ein Notfall kommt, berate ich natürlich auch außerhalb der Sprechstunde.

Regine Nock-Azari:  Bei mir ist das Aufgabengebiet ganz ähnlich. Was bei uns beiden noch dazu kommt ist die Vorstellung der Migrationsberatung in den Sprach- und Integrationskursen. Außerdem gehört zu unserem Aufgabengebiet die interkulturelle Öffnung. Wir dürfen im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge z.B. Veranstaltungen durchführen, die das Ziel haben die interkulturelle Öffnung des Personals in anderen Beratungseinrichtungen voranzutreiben.             

Maibritt Gustrau: Was sind denn die Hauptanliegen von MigrantInnen?  

Birgit Schünemann: Das hängt vom Zeitpunkt ab, zu dem sei zu uns kommen. Am Anfang stehen natürlich aufenthaltsrechtliche Fragen, Wohnungssuche, Integrations- und Sprachkurse. Alle sozialrechtlichen Fragen stehen bei mir – das habe ich statistisch nachgeprüft – absolut im Vordergrund.

Maibritt Gustrau: Gibt es auch etwas, was außerhalb der sozialrechtlichen Fragen immer wieder an Sie herangetragen wird?

Regine Nock-Azari: Ja, z.B Erziehungsprobleme, Generationsprobleme, Eheprobleme. Grade aufgrund der Migration ergeben sich oft gravierende Probleme in der Partnerschaft. Wenn jemand aus einer traditionellen Gesellschaft, z.B. eine Frau aus Afghanistan hier her kommt und sieht, sie kann hier arbeiten, eine Ausbildung machen etc., stellt das oft auch das mitgebrachte Rollenverständnis in Frage. Manchmal sind die Frauen auch schneller integriert als ihre Männer, durch die Kontakte in Kindergarten und Schule, womit auch wieder ein Rollenverlust verbunden ist. Für uns ist es schwer solche Paare in die entsprechende Fachberatung zu vermitteln. Manchmal fehlen die nötigen Sprachkenntnisse, außerdem haben nicht alle Mitarbeiter den Fachberatungsstellen die nötige interkulturelle Kompetenz, oder  für die Leute selbst sind solche Angebote fremd. Sie wissen nicht, dass ihnen so etwas helfen könnte. Dabei spielen auch Ängste und Erfahrungen aus den Herkunftsländern eine Rolle. Die Leute wissen nicht immer, dass es hier Datenschutz gibt, oder dass eine Erziehungsberatung der Diakonie der Ausländerbehörde so etwas nicht meldet. Da müssen sehr viele Hürden genommen werden.

Maibritt Gustrau: Welche Menschen kommen in die Migrationsberatung? Sind es mehr Christen als Muslime? Aus welchen Ländern? Mehr Frauen als Männer?

Birgit Schünemann: Ich habe das mal für das letzte Jahr nach geschaut. Es sind deutlich mehr Frauen als Männer, ca 70-75%. Unter Muslimen ist der Anteil an Frauen noch größer. Von den Ländern ist hier der Schwerpunkt die Türkei, der Irak, bei den afrikanischen Ländern überwiegend Kamerun und Ghana und dann die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Das sind überwiegend Spätaussiedler oder Angehörige, die später nachkommen, EU-Länder weniger. Von den Türken ist die Mehrheit muslimisch.  Aus der ehem. Sowjetunion kommen orthodoxe Christen, oder  -  unter den Spätaussiedlern -  es ist manchmal unklar. In der Regel sagen sie dann nach etwas Überlegen evangelisch. Bei den afrikanischen Klienten gibt es sowohl Christen wie auch Muslime. Hier ist auch der Anteil freikirchlicher Christen höher.

Regine Nock-Azari: Bei mir gibt es noch ein Spezifikum. Da ich persisch spreche gibt es bei mir auch immer wieder Einzelpersonen oder Familien aus dem Iran oder Afghanistan. Da wird Dari gesprochen, das ich auch versehen kann. In dieser Gruppe gibt es viele Konvertiten, die in der Regel evangelisch getauft werden und aufgrund des Religionswechsels eine Asylantrag stellen konnten. Bisher hat die Konversion dazu geführt, dass die Gerichte den Antrag anerkannt haben. Das scheint zur Zeit aber zunehmend umstritten zu sein.

Bei der Gelegenheit muss ich auch sagen, dass es mit der Integration in die Kirchen- und Pfarrgemeinden schwer sein kann, wenn die notwendigen Sprachkenntnisse noch nicht vorhanden sind. Neulich war eine Frau bei mir mit dem Begrüßungsbrief der Citygemeinde. Sie hat kein Ton verstanden und wusste natürlich auch nicht, was das ganze sollte. Wenn ich mir vorstelle, so sie würde in einen „normalen" Gottesdienst gehen, weiß ich nicht, ob sie so leicht integriert werden könnte.

Birgit Schünemann: Die afrikanischen Klienten gehen oft in englischsprachige Gemeinden, die Spätaussiedler in russischsprachige Gottesdienste. Katholische Klienten haben wir wenige. Was mir oft auffällt wenn ich die Migrationsberatung in Sprach- und Integrationskursen vorstelle ist, dass den meisten fremd ist, dass es so etwas wie Wohlfahrtsverbände gibt und dass diese eine soziale Funktion in der Gesellschaft haben.

Maibritt Gustrau: Heißt das, dass Ihre Beratung eher weniger als kirchliches Angebot wahrgenommen wird?

Birgit Schünemann: Ja und nein. Ich denke schon, dass für die Klienten zuerst zählt, wer als Mensch hinter dem Angebot steht. Da wird dann natürlich unser christliches Menschenbild deutlich und klar ist, dass es uns in erster Linie darum geht diesem konkreten Menschen zu helfen.

Regine Nock-Azari: Bei der Vorstellung in den Kursen sagen wir das auch. Wir stellen uns da als Mitarbeiterinnen der Diakonie bzw. der Caritas als kirchlichem Verband vor. Ich sage auch immer gleich danach, dass wir nicht nur Christen beraten, sondern für alle offen sind. Das fasse ich auch als unseren christlichen Auftrag auf, jedem, der schlechter gestellt oder entrechtet ist zu helfen, unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit. Das sehen die Kollegen von den anderen Verbänden ganz genau so. Wir vertreten uns ja auch gegenseitig bei solchen Vorstellungsterminen.

Birgit Schünemann: Wichtig ist auch, dass die Leute das Gefühl haben, man interessiert sich für ihre Religion. Als neulich hier im muslimischen Gebetsraum in Hochstätt war, hatte ich das Gefühl, dass das positiv wahrgenommen wird. Umgekehrt war ich mit einer Gruppe von Integrationskursteilnehmerinnen zu einer Stadtbesichtigung in Ladenburg. Dort sind wir auch in eine katholische Kirche gegangen. Die Hälfte der Gruppe ist muslimisch gewesen und fast alle kamen mit rein. In der Kirche haben sie sehr interessiert gefragt und geguckt. Für einige war es glaube ich auch das erste Mal in einer Kirche. Ich fand das sehr interessant.

Maibritt Gustrau: Ich habe nach dem kirchlichen Bezug auch deswegen gefragt, weil ich, in dem Kontext der Gemeinden anderer Sprache und Herkunft oft auf Christinnen und Christen stoße, die von Deutschland „als christlichem Land" enttäuscht sind. Oft kommen sie aus Ländern, in denen es Christen als Minderheit nicht leicht haben oder sogar verfolgt werden. Wenn sie dann nach Deutschland kommen, hoffen dann auf ein christliches Land, das sie aber im Alltag hier nicht finden und spüren. Aber diese Form der Enttäuschung gibt es wahrscheinlich bei Ihnen eher weniger.

Regine Nock-Azari: Ja, Enttäuschung über unser Angebot habe ich noch nie erlebt. Man kann nicht immer in jeder Frage zum Erfolg kommen, aber die Leute haben immer das Gefühl, dass sie voll und ganz unterstützt werden. Was ich denke, was man mal unter die Lupe nehmen müsste ist die Frage, inwiefern sich Kirchengemeinden öffnen für Fremde. Ich habe immer Skrupel die Leute in eine Gemeinde zu schicken und zu sagen: Schauen Sie mal, dass Sie da mitmachen können. Ich weiss nämlich nie, wie die Leute da aufgenommen werden. Einmal bin ich selbst mit einer jungen Spätaussiedlerin und ihren beiden Kindern zu einer Krabbelgruppe einer Mannheimer Kirchengemeinde gegangen. Das Ganze war eigentlich unmöglich. Die Frauen dort haben erstens breitestes Mannheimerisch geredet, was die Frau nicht verstanden hat. Und keine hat sich bemüht etwas deutlicher zu sprechen. Und dann war es auch so ein eingeschworener Kreis, der sich nicht unbedingt für jemand fremden öffnet. Die junge Frau war sehr aufgeschlossen und wäre auch weiter hingegangen, wenn sie irgendwie aufgenommen worden wäre.

Maibritt Gustrau: Hat die Arbeit mit MigrantInnen Ihr eigenes Bild von Kirche verändert? 

Birgit Schünemann: Ich merke, dass es meinen Blick geschärft hat. Ich sehe den großen sozialen Auftrag, den die Kirche neben der Seelsorge hat und nehme positiv wahr, dass die römisch-katholische Kirche in der sozialen Arbeit sehr offen gegenüber anderen Religionen ist.

Regine Nock-Azari: Ich muss sagen, dass ich der badischen Landeskirche gegenüber sehr positiv eingestellt bin. Wir haben dort in dem Juristen Dr. Jürgen Blechinger einen Vorreiter für Fragen Integration und Parteinahme für diesen Personenkreis. Es war auch schon unter seinem Vorgänger Pfarrer Weber so, dass sehr gute und deutliche Stellungnahmen zu Flüchtlingspolitik, Kirchenasyl etc. erarbeitet wurden, gegenüber der Bundes- und Landesregierung deutlich Stellung bezogen wurde zu verschiedenen Gesetzesvorhaben. Es werden auch immer wieder Leitfäden entwickelt zu Themen wie etwa „Umgang mit Illegalität". Bei dieser Arbeit kann ich sagen, da stehe ich voll dahinter. Mich beeindruckt auch, wenn Kirchengemeinden Kirchenasyl gewähren, weil ich weiss, dass es eine Zivilcourage erfordert und nur funktioniert, wenn es die ganze Gemeinde mitträgt.

Maibritt Gustrau: Welches Bild bringen die MigrantInnen von Kirche mit?

Birgit Schünemann: Für die Katholiken kann ich das hauptsächlich für die Leute aus Polen sagen, die ich noch von früher kenne. Die fanden die Kirche in Deutschland in der Regel zu modern. Die kannten halt eher die traditionelle katholische Kirche. Bei den jüngeren PolInnen hat sich das schon verändert. Die Gläubigen aus der ehemaligen Sowjetunion haben kein richtiges Kirchenbild gehabt. Da fand das eher im Verborgenen statt. Die Älteren sagen oft: „Wir haben damals ganz andere Lieder gesungen." Sie identifizieren bestimmte Lieder mit Kirche. Ich denke, dass sie deshalb auch hier in die Gemeinden gehen, wo sie die wieder finden. Auch wenn sie gläubig sind, denke ich, dass Kirche in Deutschland für sie etwas Neues, Anderes ist. Ich erlebe das auch bei einigen anderen Klienten, dass sie sich bewusst eine Gemeinde in ihrer Muttersprache suchen mit einem Ritus, den sie auch aus ihrer Heimat kennen.

Regine Nock-Azari: Und ich finde das auch legitim. Ich finde Glauben hat einen großen emotionalen Anteil und da muss ich mich im Gottesdienst wieder finden können. Was den Gemeinden oft fehlt sind die finanziellen Mittel. Vor einiger Zeit hat bspw. eine armenische Gruppe lange nach Räumen gesucht, in denen sie Gottesdienste feiern kann. Ich denke, da könnte man die evangelischen und katholischen Gemeinden noch mehr sensibilisieren, dass sie dann solchen Gruppen Räume zur Verfügung stellen.

Maibritt Gustrau: Wenn Sie sich die MigrantInnen als Spiegel vorstellen, welches Bild von Deutschland sehen Sie darin? Verändert es sich mit der Zeit? 

Birgit Schünemann: Deutschland ist Ordnung, ist Recht, Gerechtigkeit. Das denken sie vorher. Aber dann wenn sie hier sind spüren sie schon auch, dass sie diskriminiert werden. Ich glaube schon dass Deutschland ein sehr hohes Ansehen hat im Ausland. Aber es werden nicht alle Erwartungen auch erfüllt.

Regine Nock-Azari: Ein Problem, das ich auch sehe, ist, dass der Erstkontakt, den unsere Klienten haben, die Behörden sind. Und da machen die Leute sehr diskriminierende, unfreundliche Erfahrungen. Das geht bis dahin, dass Leute auch schon mal angeschrieben wurden, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Das prägt das Bild der Migranten von diesem Land.

Birgit Schünemann: Ich denke, da muss in unserer so genannten Willkommenskultur noch viel passieren.

Maibritt Gustrau: Woran liegt es bei den Behörden, wenn schlecht oder sogar falsch beraten wird? Ist es Unwissenheit?

Birgit Schünemann: Ja, das spielt sicher eine Rolle. Aber ich denke, es ist auch die innere Einstellung. Man muss ja auch erstmal mit seinen eigenen Vorurteilen lernen umzugehen, bevor man mit den Menschen arbeitet. Man braucht erstmal eine Schulung in interkultureller Kompetenz. Ich will gar nicht behaupten, dass man selbst unbedingt davor gefeit ist. Also da schlummern bei mir mit Sicherheit auch welche.

Maibritt Gustrau: Jetzt bin ich aber neugierig?!

Birgit Schünemann: Ich bin ja in einer Gesellschaft groß geworden, wo klar war, dass Deutschland kein Zuwanderungsland ist. Ausländische Mitschüler waren damals noch nicht so selbstverständlich wie heute. Als ich 1985 anfing mit der Arbeit habe ich mich sehr schwer getan mit Spätaussiedlern aus Oberschlesien in Polen. Die haben immer so stark betont, dass sie Deutsche sind. Meine Mutter stammte auch aus diesem Gebiet, ist aber schon 1945 geflüchtet. Mit ihr und meiner Großmutter habe ich oft darüber gesprochen. Sie sagte: „Wieso kommen denn da jetzt noch Deutsche? Das können doch gar keine richtigen Deutsche sein! Wir sind doch damals unter schwersten Entbehrungen geflüchtet. Und jetzt kommen diese Leute und beantragen Unterstützung, das haben wir alles nicht bekommen." Ich habe die Vorbehalte nicht übernommen, habe mir aber schon überlegt, was denn eigentlich die Motivation ist, nach Deutschland zu kommen. Geht es wirklich darum als deutsche Staatsangehörige in Deutschland zu leben oder hat es wirtschaftliche Gründe? Und ist es legitim wenn es nur wirtschaftliche Gründe hat? - Ja, ich finde das legitim. Was haben denn die Deutschen gemacht, wenn es Deutschland schlecht ging? Sie sind auch ausgewandert. Im Krieg waren sie auch froh, wenn sie als politisch Verfolgte woanders aufgenommen wurden. Für viele ist es außerdem wichtig, dass es den Kindern besser geht. Das kann ich gut akzeptieren.

Maibritt Gustrau: Zum Schluss die Frage: Hat sich durch die Arbeit mit Migranten Ihr Gefühl für Ihr eigenes Deutschsein verändert?

Birgit Schünemann: Ich merke, dass ich offener geworden bin für Neues, für andere Kulturen, für andere Religionen. Und ich versuche auch, das meinen Kindern zu vermitteln. Ich bin auch schon in die Länder gereist: in deutsche Siedlungsgebiete der ehem. Sowjetunion, nach Polen und in die Türkei und ich habe den Eindruck, dass die Klienten das spüren, dass mich ihre Herkunft interessiert und sie haben dadurch auch das Gefühl, dass ich sie verstehen kann, oder zumindest einen Einblick habe.

Regine Nock-Azari: Das Thema Deutschsein ist in dem Zusammenhang eher ein bisschen schwierig. Wenn ich mir überlege, welche Geschichte wir  mit dem Dritten Reich und dann so Leute wie Sarazin sehe, die Beifall bekommen von ganz oben bis ganz unten am Stammtisch, dann ist es mir eher etwas peinlich deutsch zu sein. Wofür ich sehr dankbar bin ist das, was mir die Migrationsarbeit über die Jahre mitgegeben hat. Den breiten Horizont und die Möglichkeit Menschen aus so vielen Ländern kennen zu lernen und teilzunehmen an ihrem Erfahrungshintergrund, die bekam ich erst hier. Ich lerne davon sehr viel. Und der Prozess ist nicht zu Ende. Es geht immer weiter. Es gibt mir sehr viel. Ich habe das Glück hier arbeiten zu können und würde vielen wünschen, dass sie das auch so mitbekommen.

Maibritt Gustrau: Das ist ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.