Interview mit Annette Wakam

Annette Wakam (34) ist Informatikerin und leitet ein Projekt in der Kapellengemeinde in Heidelberg. Ihre Aufgabe besteht darin, die vielen verschiedenen internationalen Gruppen, die sich im Lauf der letzten Jahren unter dem Dach der Kapellengemeinde gesammelt haben, zu vernetzen.

Sie kam 1997 aus Kamerun nach Deutschland. Zuerst hat sie in Berlin ihre Deutschkenntnisse ausgebaut  und hat anschließend in Heidelberg Medizininformatik studiert. Sie hat eine Tochter, Anita (7), mit der sie in Plankstadt lebt.Geboren wurde sie als siebtes von acht Kindern in der Hauptstadt von Kamerun, Jaunde.

 

Maibritt Gustrau: Annette, was ist deine Muttersprache?

ANNETTE WAKAM:Meine Muttersprache ist Batoufam. In der Schule spricht man allerdings französisch oder englisch. Das sind die Amtssprachen Kameruns. Ich bin im französischen Teil Kameruns geboren und aufgewachsen und habe französisch in der Schule gehabt, habe dann aber auch sehr früh Englisch gelernt. Jeder Kameruner sollte also mindestens zweisprachig sein.

Maibritt Gustrau :Und nach dem Abitur wolltest du dann noch Deutsch als vierte Sprache lernen?

ANNETTE WAKAM: Dass ich nach dem Abitur nach Deutschland kam hat sich so ergeben. Viele junge Menschen aus meiner Generation sind zum Studieren ins Ausland gegangen.

Maibritt Gustrau: Kannst Du ein bisschen aus Deiner Familie erzählen?

ANNETTE WAKAM: Ich komme aus einer großen Familie. Meine Eltern selbst sind in der Kolonialzeit aufgewachsen und haben keine Schule besucht. Mein Vater hat dann aber eine Ausbildung zum Schneider gemacht. Meine Mutter war eine typische Hausfrau in Kamerun. Was bedeutet, dass sie den Haushalt machte, die Kinder groß zog und nebenbei mit verschiedenen kleinen Beschäftigungen Geld verdiente. Sie ist jeden Tag um vier oder halb fünf aufgestanden und war den ganzen Tag auf den Beinen. Man kann wirklich sagen, dass sie eine Powerfrau war. Sie hat nicht nur mich und meine Geschwister großgezogen, sondern auch einige ihrer Geschwister und Nichten und Neffen. Sie wäre selbst auch gern in die Schule gegangen, konnte aber nicht. Sie hat uns aber beigebracht wie wichtig Bildung ist und hat dafür gesorgt dass wir eine gute Ausbildung bekommen. Wir sind jetzt alle selbständig, haben eigene Familien und stehen auf eigenen Beinen. Es ist nicht selbstverständlich, wenn man selber keine Mittel hat, seine Kinder so zu fördern. Wir schulden unseren Eltern sehr viel.

Maibritt Gustrau: Was war denn dein erster Eindruck von Deutschland?

ANNETTE WAKAM: Oh, das weiß ich noch genau. Ich habe die Erde vermisst. Ich habe gemerkt, dass hier alles zugepflastert und zubetoniert ist. Die Erde und ihr Geruch bei Regen habe ich wirklich vermisst, vielleicht weil ich aus einem Volk stamme welches mit der Erde sehr verbunden ist.  Die Erde in meinem Dorf ist wirklich was Besonderes. Sie hat eine sehr kräftige Farbe. Sie ist knallrot. Das prägt.

Maibritt Gustrau: Was ist ein größte Unterschied zwischen der Stadt aus der du kommst und Heidelberg?

ANNETTE WAKAM: Es ist so menschenleer hier. Bei uns findet das Leben auf der Straße statt. Das bedeutet nicht unbedingt in der Öffentlichkeit, sondern eher, dass die Türen der Häuser immer offen sind. Bei uns war die Tür immer offen. Die hat man nur zugemacht, wenn man schlafen gegangen ist. Genauso bei den Nachbarn. Ich denke das erleichtert das Miteinander. Die offene Tür ist ein Symbol für die offenen Herzen würde ich sagen.

Maibritt Gustrau: Gibt es da eine Parallele zum kirchlichen Leben? Findet das auch auf der Straße statt?

ANNETTE WAKAM: So direkt vielleicht nicht. Ich komme aus einer evangelischen Kirche. Vom Prinzip her unterscheiden sich die Strukturen nicht. Aber wie man es lebt ist anders. Wenn man bei uns in die Kirche geht, so um 9h, ist man da für mindestens drei, vier Stunden. Vor Mittag kommt man nicht nach Hause. Ich finde es schade, dass der Gottesdienst hier in Deutschland so kurz ist. Man könnte den Sonntag in der Gemeinde sehr schön gestalten. Was will man schon wieder um 11h zu Hause? Bei uns gehen Gottesdienste über Mittag. Für die Christen bei uns gehört der Sonntag der Gemeinde und der Kirche. Und sie nutzen den Sonntag auch für gegenseitige Besuche. Es wird auch versucht, dass die Mitglieder sich für die Gemeinde verantwortlich fühlen und sich engagieren. Es gibt vieles, was von ihnen gemacht werden muss. Wenn z.B. in der Gemeinde geputzt werden muss, oder Arbeiten im Hof anfallen, dann trifft man sich und macht es zusammen. Ich hoffe, dass wir uns das noch eine Weile bewahren. Denn die Gesellschaft in der wir leben verändert sich. Der Individualismus verbreitet sich.

Maibritt Gustrau: Wie vermittelst du das deiner Tochter? Sie wächst ja in einer Gesellschaft auf, in der das Individuum und die persönliche Freiheit ganz hoch gehängt werden.

ANNETTE WAKAM: Ich weiß nicht, wie das ausgeht. Ich finde es schwierig. Ich habe jetzt für meine Tochter den Entschluss gefasst, dass sie die Sommerferien bei meiner Familie zu Hause verbringt. Als sie in diesem Sommer aus Kamerun zurückkam, habe ich sofort gemerkt, was der Unterschied war. Sie war in einer Horde von Menschen und sie wusste, sie gehört dazu, das ist ihre Familie. Ich habe sofort gespürt, dass das gut für sie war. Ich möchte, dass diese Verbindung auf jeden Fall bestehen bleibt. Ich versuche ihr einige Werte aus meiner Heimat, meiner Kultur zu vermittelt. Ein Beispiel ist die Anrede von Erwachsenen: bei uns gehört bei der Anrede ein Zusatzwort dazu, das auf eine gewisse Weise den Respekt ausdrückt, den ein Kind einem Erwachsenen entgegenbringen soll. Das setzt gewisse Grenzen. Wenn ein Kind die Grenzen nicht kennt, fängt es schnell an, sich daneben zu benehmen. Bei uns ist es auch so, dass die Onkel und Tanten Papa oder Mama genannt werden. Im Gegenzug übernehmen die Erwachsenen auch Verantwortung für alle Kinder, nicht nur für die eigenen.

Ein Kind muss lernen, seine Eltern oder andere Erwachsene – denn für mich hört es wirklich nicht bei den Eltern auf – zu respektieren. Es geht um gesunden Respekt. Gesunde Angst (lacht).

Maibritt Gustrau: In der Bibel wird oft von Gott als Vater geredet. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass das Verhältnis vom Kind zur Mutter bzw. Vater von großem Respekt und sogar ein bisschen Angst geprägt ist, würde mich interessieren, ob das auch im Verhältnis zu Gott so ist?

ANNETTE WAKAM: Gott liebt uns über alles. Das weiß man und das sagt man immer. Aber ich denke, es gibt auch diese andere Seite Gottes. Ich versuche immer, sie nicht zu vergessen oder zu verdrängen. Das ist der Gott der auch mal in einen furchtbaren Zorn geraten kann. Ich habe Furcht vor Gott. Aber eine gesunde, eine die mich davon abhält, Dinge zu tun, bei denen ich befürchte, dass ich dafür bestraft werden könnte oder bei denen ich nicht weiß, wie ich sie eines Tagen rechtfertigen würde. Ich habe natürlich auch schon Fehler gemacht und bin deshalb vom Weg abgekommen. Was mich dann aber zurückgebracht hat, ist einerseits diese Furcht, andererseits dass ich gewusst habe, Gott liebt mich trotzdem und ich kann jederzeit immer zurück. Das ist ja auch bei einer Mutter oder einem Vater der Fall. Egal, was das Kind gemacht hat, ein Kind das sich abgewendet hat, ein Kind das vielleicht seinen Vater oder seine Mutter verleugnet hat – es kann immer zurück. Denken wir an die biblische Geschichte des verlorenen Sohnes. Wenn man ehrlich bereut, kann man immer zurück. Und das ist bei Gott genauso. Man kann immer zurück.

Gott nicht zu fürchten, ist glaube ich die Quelle für vieles Übel und Schlechte. Deswegen finde ich es auch furchtbar, dass in der Kirche immer nur der liebe Gott gepredigt wird. Natürlich liebt er uns. Aber manchmal brauchen die Menschen etwas, wovor sie sich fürchten können, damit sie die Grenzen erkennen.

Irgendwann erreichen Kinder ein Alter und bei Christen ist es genauso, da nimmt die Furcht ab, und die Liebe überwiegt. Und bis dahin ist es ein Weg. Ich bin dankbar, dass ich diese Furcht empfinde, denn sie setzt mir Grenzen. Bei bestimmten Vorhaben oder Gedanken frage ich mich, wo sie hinführen. Ich fand die Vorstellung, dass wir irgendwann Rechenschaft über unser Tun und unsere Gedanken abgeben müssen, immer sehr hilfreich. Die Liebe Gottes ist dadurch keinesfalls weniger wert. Im Gegenteil, ich denke, man begreift viel mehr, was Liebe und Gnade bedeutet, wenn man sich fürchtet.

 

Maibritt Gustrau: Zum Schluß würde ich dich gern noch nach den Möglichkeiten der Kirche fragen. Wir sind ja beide damit beschäftigt, traditionelle landeskirchliche Gemeinden und Menschen mit Migrationshintergrund zusammenzubringen. Hast du schon einen Schlüssel gefunden, wie das Zusammenkommen möglich wird und gut geht?

ANNETTE WAKAM: Seitdem ich selber ein bisschen drin bin, merke ich, wie komplex das ist. Es ist wirklich nicht einfach. Man könnte ja denken, wir tun alle das Gleiche, wir suchen Gott, das ist doch schon viel. Aber es ist nicht einfach. Wahrscheinlich liegt es an den unterschiedlichen Kulturen. Ich glaube, je mehr ein Mensch von seiner Kultur geprägt ist, desto höher sind die Barrieren. Für mich ist wirklich eine Erkenntnis, dass man auf die persönliche Ebene gehen muß, auf den einzelnen Menschen. Man muß Beziehungen aufbauen. Das muss von beiden Seiten passieren. Von den Migranten und von den traditionellen Gemeinden. Es funktioniert nur, wenn sich beide Seiten auf persönliche Beziehungen einlassen.

In der Kirche ist das persönliche Kennenlernen das wichtigste. Ich finde in Kirche und Gemeinde geht es darum, dass man merkt, dass neben diesen vielen Unterschieden uns der Glaube verbindet. Es ist komisch, aber das ist hier nicht selbstverständlich. Wenn ich in Kamerun in die Kirche gehe, sind alle die da sind für mich von vornherein Menschen, mit denen mich was verbindet. Und hier spürt man das nicht so. Hier kann man wirklich eine Gemeinde jahrelang besuchen, bevor man jemand näher kennenlernt. Bei uns Christen sollte das eigentlich nicht so sein. Warum würden die Leute sonst dahin gehen? Ich glaube aber wirklich, dass man auf der persönlichen Ebene viel erreichen kann.

Maibritt Gustrau: Das ist ein gutes Schlußwort. Vielen Dank für das Gespräch.