Arabisch oder Deutsch? - Da sind wir ganz flexibel

Ein Gespräch mit Rami Obaid von der Rum-orthodoxen Kirche von Antiochien in Mannheim

Rami Obaid ist von Beruf Arzt. Er lebt mit seiner
Frau und seinem Sohn seit 2004 in Deutschland und seit 2007 in Mannheim.
Wie viele andere Mitglieder der Gemeinde, kommen
Herr und Frau Obaid aus Syrien, einige kommen auch aus dem Libanon und der Türkei.
Die traditionelle Liturgiesprache ist Arabisch.

Mich hat besonders interessiert, was es mit dem
Liturgiesingen in der der rum-orthodoxen Gemeinde auf sich hat, weil mir bei einem Besuch auffiel, dass ein großer Teil auf Deutsch gesungen wird.

Wir haben das Gespräch im Dezember 2012 geführt.

Maibritt Gustrau: Wie kam es dazu, dass Sie im
Gottesdienst die Liturgie singen? Haben Sie das auch schon in Syrien gemacht?

Rami Obaid: Ja, in Syrien habe ich das auch schon
gemacht. Ich hatte schon immer großes Interesse am Singen und habe es mir durch genaues Zuhören und durch ständige Wiederholen, mit CD, und viel Üben selbst beigebracht. Als ich dann nach Mannheim kam und ich mich bei Vater Abdallah Dis vorgestellt habe, hat sich herausgestellt, dass hier in der Gemeinde dringend jemand zum Singen gesucht wurde, der hier in Mannheim wohnt. Es gab niemand der die Liturgie auf Arabisch oder Deutsch singen konnte. Es musste immer jemand aus Karlsruhe mitkommen. Vater Abdallah hat mich dann gefragt, ob ich singen kann und ich sagte: „Ja, ich kann es mal probieren." 

Maibritt Gustrau: Haben Sie in der Gemeinde ein
bestimmtes Amt? Sind sie Diakon?

Rami Obaid: Nein, ich bin ein „Normalgläubiger". Ich habe nur ein großes Interesse an der Kirche. Auch an ihrer Geschichte und der Theologie. Nach meinem Medizinstudium habe ich angefangen viel darüber zu lesen. Mich interessiert auch nicht nur die orthodoxe Kirche, sondern auch die evangelische und die katholische Kirche.

Maibritt Gustrau: Haben Sie von Anfang an die
Liturgie auf Deutsch und Arabisch gesungen?

Rami Obaid: Am Anfang habe ich etwa 80% auf
Arabisch gesungen. Das Problem war, dass es keinen deutschen Text gab. Irgendwann haben wir ihn dann gefunden. Ich habe dann mit Vater Abadallah ausgemacht, dass wir versuchen, immer mehr Deutsch zu singen. Zunächst war es etwa 30% Deutsch und 70% Arabisch. Jetzt machen wir etwa 50% Deutsch und 50% Arabisch. Wir haben dabei verschiedene Absichten. Das eine betrifft die ältere Generation: sie kommen aus arabischen Ländern oder der Türkei, sie verstehen die Liturgie auf Deutsch nicht. Deswegen wird immer auch auf Arabisch gesungen.  Die jüngere Generation, die hier aufgewachsen und ausgebildet ist, kann gut Deutsch, aber kein Arabisch. Deswegen singen wir auch auf Deutsch. In Zukunft vielleicht auch noch mehr als jetzt. Wir schauen auch wie viele Jüngere oder Ältere da sind. Wenn die
Mehrheit im Gottesdienst Ältere sind, singen wir mehr Arabisch und umgekehrt.

Maibritt Gustrau: Haben Sie die Übersetzung selbst
gemacht?

Rami Obaid: Ja. Es gab aber auch schon andere Übersetzungen von anderen orthodoxen Kirchen. Die Serbisch-orthodoxen oder Russisch-orthodoxen haben schon Versuche unternommen, von denen wir viel gelernt haben und von denen wir auch Texte übernommen haben. Mittlerweile gibt es die gesamte Liturgie auf Deutsch. 

Maibritt Gustrau: Was für Reaktionen bekommen Sie
aus der Gemeinde, seit Sie die Liturgie zweisprachig singen?

Rami Obaid: Der Anfang war etwas schwer. Aber ich
habe den Eindruck, die Leute verstehen jetzt mehr und sind auch besser konzentriert. Ich glaube, sie sind jetzt zufrieden damit. Ich glaube, die Gemeinde würde sich wünschen, dass außer mir noch mehrere die Liturgie singen, das hat aber leider noch nicht geklappt. Die Jungen habe nicht soviel Interesse daran
Liturgiesingen zu lernen. Manche sind zu schüchtern, manche finden es auch zu schwer. 

Maibritt Gustrau: Wie ist es für Sie? Ihre
Muttersprache ist ja Arabisch. Wie geht es Ihnen, wenn Sie auf Deutsch die Liturgie singen?

Rami Obaid: Am Anfang war es nicht einfach. Singen
ist noch mal ganz anders als Lesen und Sprechen im Alltag. Außerdem muss man gut überlegen, wie man die Sätze und die einzelnen Silben der Melodie anpasst. Durch das Übersetzen verändert sich ja die Wortfolge. Man muss genau überlegen,
wo kommen die Pausen hin, wann geht die Melodie hoch oder runter. Lange Texte finde ich immer noch schwer. Ich übe immer noch und versuche kontinuierlich meine Kenntnisse zu verbessern. An großen Festtagen, wenn längere Texte zur
Liturgie gehören, dann singe ich sie auf Arabisch, oder sie werden gelesen. Deswegen suchen wir wirklich dringend Leute, die hier aufgewachsen sind, die solche Texte, dann auf Deutsch singen können.

Maibritt Gustrau: Wie geht es Ihnen bei der
Bedeutung der Wörter? Ich kann mich daran erinnern, wie ich das erste Mal das Vaterunser auf Englisch gebetet habe. Es war tatsächlich ein anderes Gebet für mich, obwohl es natürlich das Gleiche wie im Deutschen bedeutet.  

Rami Obaid: Als ich das erste Mal das Vaterunser auf
Deutsch gesungen habe, habe ich sehr genau auf die Bedeutung und die Übersetzung geachtet. Ich habe keine Unterschiede bemerkt. Aber mir ist aufgefallen, dass die deutsche Liturgiesprache älter ist, als die im normalen Alltag. Also, man sagt „Vater unser im Himmel" und nicht „Unser Vater im Himmel". Oder z.B. „Erbarme dich unser!" Das hat mich überrascht. Es war nicht die Grammatik, die ich in der Sprachschule gelernt habe. Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt. Als ich nach Gießen kam, ging ich nicht gleich in zur Rum-orthodoxen Gemeinde, weil ich erst oreintieren mußte. Der erste Gottesdienst, den ich Deutschland besucht habe,
war einer bei der Stadtmission. Und da war die Sprache einfacher. Obwohl alles neu war, konnte ich alles gut lesen und verstehen. Bei den Katholiken war es nicht so einfach, auch mit Gesangbuch. Ich wußte nicht, wie man springen muß und auf welcher Seite wir gerade waren. Die katholische Liturgie allerdings ist sehr ähnlich wie die orthodoxe. 

Maibritt Gustrau: Wie sprechen Sie mit Ihrem Sohn?
Deutsch oder Arabisch?

Rami Obaid: Er ist erst 15 Monate alt und spricht
noch gar nicht. Wir haben und intensiv informiert und haben von vielen gehört, dass es am Besten ist, erstmal die Muttersprache, also Arabisch, zu Hause zu sprechen. Und dann kommt im Kindergarten und in der Schule Deutsch. Ich habe mir allerdings schon Gedanken gemacht, wie es für ihn sein wird, wenn er in den Kindergarten kommt und kein Wort Deutsch spricht. Es könnte ja sein, dass ihn das verängstigt oder abschreckt, wenn er sich nicht verständigen kann.  Aber wir haben Glück, denn unsere Nachbarn sind Deutsche. Sie sind ein sehr nettes älteres Ehepaar und pflegen eine gute Beziehung zu Nicolas. Sie sehen sich fast jeden Tag. Sie sprechen Deutsch mit ihm. So haben wir eine gute Lösung gefunden. So hört er zu Hause Arabisch und
Deutsch hört er auch von Muttersprachlern.

Maibritt Gustrau: Vielleicht kann er dann mal die
Liturgie singen?

Rami Obaid: Ja, mal sehen. Unser erstes Ziel ist, dass unser Kind nicht nur ein Christ dem Namen nach ist. Eine christliche
Erziehung ist uns sehr wichtig. Meine Frau und ich kommen aus sehr gläubigen Familien und wir möchten das auch gern unseren Kindern weitergeben.