"Ministry of Welcome"

Damit sich alle gut aufgenommen fühlen

 

Gespräch mit Rosemary Selle, ehrenamtliche Leiterin der  English Church in Heidelberg

Dr. Rosemary Selle ist Britin und lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Sie ist als Dozentin der Heidelberger Universität am Institut für Übersetzen und Dolmetschen für Großbritannienstudien zuständig.

Frau Selle leitet die Gemeinde in der Erlöserkirche nicht als Pfarrerin, sondern sorgt ehrenamtlich für Kontinuität in der Organisation und Verwaltung und vielen anderen Fragen des kirchlichen Lebens.

Das Gespräch wurde im Juni 2012 in Mannheim geführt.

Maibritt Gustrau: Woher kommen Sie und was machen Sie beruflich?

Rosemary Selle: Ich bin in London aufgewachsen, lebe aber jetzt schon zwei Drittel meines Lebens in Deutschland. D.h. ich bin inzwischen viel länger in Deutschland, als ich je in England gelebt habe. Als es so etwa halbe, halbe war, bin ich eines Tages aufgewacht und war echt erschrocken von dem Gedanken, dass ich schon länger in Deutschland lebte als in England, aber ich fühle mich hier sehr wohl und werde wahrscheinlich auch hier bleiben. In England habe ich aber noch meine Mutter und meine Geschwister, so dass ich recht häufig dort bin zu Besuch.

Maibritt Gustrau: Viele GaSH müssen sich in ihrem Gemeindeleben, was die Räume angeht auf Kompromißlösungen einlassen. Ich weiss, dass das bei Ihnen nicht so ist, Sie haben eine eigene Kirche. Wie kam es dazu?

Rosemary Selle: Die Erlöserkirche war ursprüngliche die Kapelle eines Dominikanerklosters. Der Bau geht  ins 18.Jh. zurück. Im ersten Drittel des 19. Jh. kamen immer mehr Engländer nach Deutschland: Ärzte, Geschäftsleute, Künstler. Die wollten eine eigene Kirche und haben bei der Stadt nachgefragt, ob irgendwo eine zur Verfügung steht. Von der Stadt bekamen sie dann dieses Gebäude überantwortet. Bis 1914 sind sie da geblieben. Für die Zeit danach, von 1914 bis 1971 wissen wir nicht so genau, wo sich englischsprachige Christen getroffen haben. Vom Gebäude wissen wir, dass es 1936 an die altkatholische Gemeinde abgetreten wurde. Nun ist es so, dass es seit 1931 ein Abkommen zwischen der Altkatholischen Kirche und der Church of England gibt, das die volle Kirchengemeinschaft bestätigt. Anfang der 70er Jahre waren dann wieder recht viele Briten in Heidelberg. Drei junge Frauen wollten einen eigenen Gottesdienst auf Englisch haben und eine Gemeinde gründen. So fing das vor inzwischen 41 Jahren wieder an. Wir haben Gastrecht seit 40 Jahren in der Kirche. Wir zahlen keine Miete. Das Gebäude gehört der Stadt. Aber wir zahlen natürlich für liturgisches Material und Nebenkosten, außerdem auch für das Gemeindezentrum in der Weststadt.

Um an der Stelle auch etwas Persönliches zu sagen. Ich bin zwar 1971 nach Heidelberg gekommen, aber nicht seit da dabei. Obwohl ich mehrfach eingeladen wurde in die englische Kirche bin ich zunächst immer in die Heiliggeistkirche gegangen. Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich dadurch eine evangelische Sozialisation erfahren habe und das Gesangbuch und die Liturgie kennen- und schätzengelernt habe. Ich habe auch in verschiedenen Chören gesungen. Ich bin froh dass ich es so gemacht habe und erst später zur Englischen Kirche gefunden habe. 

Maibritt Gustrau: Ihre Gemeinde hat keinen festangestellten Pfarrer. Manchmal werde ich gefragt,  ob ich Modelle kenne, mit denen man diese Situation gut bestreiten kann. Was würden Sie sagen, worauf müssen Gemeinden achten und wer sorgt für Kontinuität?

Rosemary Selle: Zunächst mal muss ich sagen, dass wir wirklich nicht pfarrerzentriert sind. Wir haben fast immer jemanden da. Es ist nicht so, dass da große Lücken sind. Aber ich meine damit, dass wir selbst Verantwortung übernehmen. Wir planen, verwalten, organisieren selbst und erwarten nicht, dass unser Geistlicher das tut. D.h. es braucht dann Laien mit Engagement und mit einem großen Herz für die Gemeinde. Dazu braucht es auch Knowhow. Und da habe ich den Vorteil aus einer Pfarrfamilie zu kommen und genau zu wissen, was dazu gehört. Ich habe außerdem eine kirchliche Ausbildung. Aber die lehrt nicht alles, was man so an Detailwissen haben sollte, um eine Gemeinde zu verwalten.

Maibritt Gustrau: Was heißt eine kirchliche Ausbildung? Haben Sie Theologie studiert?

Rosemary Selle: Ich habe ein akkreditiertes kirchliches Laienamt. Das nennt sich „Reader". Die Bezeichnung ist irreführend, weil es sich nach Lektorin anhört. Dabei ist es das wichtigste Laienamt, das die Anglikanische Kirche zu vergeben hat. Dazu gehört eine dreijährige theologische Ausbildung. Ich darf fast alles bis auf die Sakramente Taufe und Abendmahl spenden. Abendmahl darf ich austeilen, aber nicht einsetzen. Taufen dürfte ich nur im Notfall. Aber das darf auch jeder andere Christ. Mit dieser Ausbildung ist verbunden, dass man ein Amt öffentlich erkennbar wahrnimmt und auch vom Bischof damit beauftragt wird. Bei mir war das vor 12 Jahren.  Das bedeutet aber nicht automatisch Gemeindeleitung. In den meisten Fällen werden Reader zusammenarbeiten mit dem Pfarrer.

Maibritt Gustrau: Gibt es nur einen Reader pro Gemeinde?

Rosemary Selle: Nein, es kann auch mehrere geben.

Maibritt Gustrau: Gibt es dann noch eine Entsprechung, zu dem, was bei uns der Ältestenkreis ist?

Rosemary Selle: Ja, das gibt es. Das nennt sich Church Council. Man braucht ein Leitungsgremium. Und die sollten, wenn es irgendwie geht, gewählt sein. Bei uns sind es derzeit 15. Das sind viele, aber wir wollten, dass alle Gruppen und Altersstufen vertreten sind. Das Leitungsgremium sollte bereit sein sich regelmäßig zu treffen und jeder sollte sich auch persönlich einbringen mit seinen Gaben, Fähigkeiten und Kompetenzen.

Maibritt Gustrau: Was bedeutet es für einen Pfarrer, wenn er in eine so gut organisierte und nicht pfarrerzentrierte Gemeinde kommt?

Rosemary Selle: Wir haben keinen festangestellten Pfarrer, sondern meistens Geistliche für einen begrenzten Zeitraum bei uns. Da ist es ganz wichtig, dass sie sich hier zu Hause fühlen können und dass sie nicht das Gefühl haben, sie müssen die kulturelle Kompetenz mitbringen. Sondern wir geben ihnen das, weil wir ja hier leben, d.h. wir kennen uns aus. Dazu gehört, dass wir eine Wohnung stellen. Sie müssen sich also nicht nach einer Bleibe umsehen. Die Wohnung gehört zu unseren Hauptausgaben in der Gemeinde. Es ist so eine Art Nest und es ist ganz wichtig, dass das vorbereitet ist. Dass sie sauber und ordentlich ist und auch schon ein paar Lebensmittel da sind, wenn jemand nach einer langen Reise kommt.

Kontinutiät gewährleisten bei uns die Laien. Wir haben einen kleinen, aber doch sehr stabilen Kern von Laien, die langfristig hier sind. Das war früher anders. Da hatten wir sehr viel Wechsel: jedes Jahr ungefähr ein Drittel der Gemeinde. Inzwischen ist es so, dass etwa die Hälfte der Gemeinde langfristig hier ist. Darauf kann man bauen. Das ist etwas sehr Wertvolles.

Die Geistlichen geben uns aber auch Kontinuität, insofern, dass viele wieder kommen. Das ist sehr angenehm, weil sie auf diese Weise die Lebensgeschichten der Gemeindeglieder mitbekommen und begleiten können. Diese seelsorgerliche Begleitung finde ich sehr wichtig. Und sie kostet viel Zeit. Unsere Leute sind zwar sehr robust und gut integriert, aber natürlich gibt es immer wieder mal Probleme, die jemand besprechen möchte. Das braucht viel Zeit. Und ich kann das nicht immer bieten.

Auch noch zur Kontinuität: 1971 waren die Gottesdienste zunächst einmal im Monat dann, zweiwöchentlich und seit 1981 haben wir wöchentliche Gottesdienste. Ich finde, dass das auch zur Kontinuität beiträgt, weil die Mitglieder nicht mehr überlegen müssen, ist jetzt diese Woche mit oder ohne Gottesdienst. Sobald diese Frage entsteht ist Unsicherheit da und wenn die da ist, dann kommen sie nicht. Ein wöchentlicher Rhythmus ist sehr stabilisierend. Wir haben uns entschieden jeden Sonntag einen richtigen Gottesdienst zu feiern, auch wenn kein Priester da ist.

Einen weiteren Aspekt, den ich zum Thema Kontinuität noch anfügen möchte ist, dass wir strukturell als Verein organisiert sind. Das trägt uns finanziell und verschafft uns Anerkennung bei den deutschen Behörden. Es hilft auch, dass wir als Teil der anglikanischen Kirchengemeinschaft Teil eines größeren Ganzen sind. Das bedeutet zum einen, dass unsere Pfarrer tatsächlich aus allen Teilen der Welt kommen. Manchmal mit ganz anderem englischen Akzent, an den wir uns erst gewöhnen müssen. Aber das macht es auch sehr interessant und anregend. Teil eines größeren Ganzen zu sein bedeutet aber auch, dass man ganz gut geschützt ist vor Versuchen, die Kirche in eine ganz bestimmte Richtung zu bewegen.

Maibritt Gustrau: Und das führen Sie auf die weltweite Gemeinschaft zurück?

Rosemary Selle: Ja, auch, aber vor allem weil wir ein Teil der Kirche Englands sind. Die Church of England hat 44 Diözesen. 43 davon sind innerhalb Englands und wir gehören zur 44., der Diocese in Europe. Das bedeutet dass wir einen Bischof haben, der uns schützt. Auf der anderen Seite bedeutet es aber auch, dass von uns erwartet wird, dass wir die Diözese finanziell mittragen. Manchmal gibt es Fragen, ob das sein muss, und warum es soviel ist. Aber wir haben nie diskutiert, ob wir eine eigenständige Kirche außerhalb der Kirche von England sein wollen.

Maibritt Gustrau: Wieviel Mitglieder haben Sie?

Rosemary Selle: Zur Zeit etwa 100.

Maibritt Gustrau: Und die Diözese?

Rosemary Selle: Es sind 320 Gemeinden, die Zahl der Mitglieder weiss ich nicht. Die Gemeinden sind sehr unterschiedlich in der Größe. Es gibt sehr große wie in Gibraltar, was ja noch britisch ist, zumindest sehen das die Briten so, und dann gibt es ganz winzige Gemeinden in Taschkent oder Usbekistan mit zum Teil zehn Mitgliedern. Wir sind so im Mitttelfeld.

Überall wo Briten kolonisierend tätig waren, gibt es Gemeinden. Interessanterweise aber auch darüber hinaus in Ländern, wo nie Anglikaner waren. Z.B. in Skandinavien schließen sich Menschen der Anglikanischen Kirche an und erleben dann eine Berufung ins Priesteramt als Ausländer gewissermaßen und nicht als englisch sprechender Mensch. Wir hatten jetzt eine ganze Reihe von Ordinationen – Männern, wie Frauen – von Menschen, die aus einem ganz anderen kulturellen und sprachlichen Hintergrund kommen.

Maibritt Gustrau: Was genau zieht die Leute an?

Rosemary Selle: Sehr häufig wird die Liturgie erwähnt und die Musik. Ich bin auch als Beraterin für Menschen, die sich überlegen, ob ihre Zukunft im Priesteramt liegt, beauftragt. Ich kenne drei Kandidaten, die ausgebildete Musiker sind.

Maibritt Gustrau: Vorhin sagten Sie, dass die Prediger aus der ganzen Welt zu Ihnen nach Heidelberg kommen. Gibt es da Wahrnehmungen oder Schwierigkeiten, die bei allen ähnlich sind?

Rosemary Selle: Wie schön es hier ist. Das sagt wirklich jeder. Da haben wir in Heidelberg wirklich einen großen Vorteil. Wenn Sie nach Bottrop kommen – ich will Bottrop nicht beleidigen, aber das ist wirklich anders. Heidelberg ist sowieso schon bekannt und wenn sie dann hier sind, gerade zu dieser Jahreszeit, ist es einfach schön. Jeder freut sich über die Landschaft und sie sagen auch interessanterweise, dass die Menschen hier so freundlich sind. Ich würde das vielleicht anders sehen. In Mannheim nicht, aber in Heidelberg finde ich die oft nicht besonders freundlich. Aber das erleben unsere Geistlichen anders. Sie erzählen, dass immer jeder hilft, wenn sie mit der Sprache nicht weiterkommen, oder wenn sie irgendwo mit der Karte stehen, immer jemand stehen bleibt und fragt, wo sie hin wollen.

Maibritt Gustrau: Ach, echt? Das finde ich auch überraschend!

(Wir lachen beide!)

Rosemary Selle: Das hätte ich auch nicht gedacht. Da gibt es also keine größeren Probleme. Sie müssen ja kein Deutsch können. Sie kommen gut zurecht. Gerade im Süden von Heidelberg (wo die Wohnung ist) waren ja die Amerikaner stationiert. Das hat zur Folge, dass in manchen Läden, vor allem in den Supermärkten, immer jemand da ist, der Englisch kann, weil die Amerikaner ja meistens auch nicht viel Deutsch gelernt haben.

Maibritt Gustrau: Wie geht es Ihrer Gemeinde denn mit den häufigen Wechseln der Geistlichen? Ich dachte mir gerade so, man kann sich ja vielleicht ganz gut daran gewöhnen und fände es sogar langweilig, wenn jemand länger, z.B. für ein Jahr kommen will? Sagen Sie dann, nein das ist zu lang.

Rosemary Selle: Ja, wir haben uns an den häufigen Wechsel gut gewöhnt, aber wir lehnen es nicht ab, wenn jemand länger als sechs Monate kommen möchte. Wir haben uns an den Wechsel gewöhnt, die Vielfalt, die wir dadurch haben, die unterschiedlichen Stile und Persönlichkeiten und das ist spannend. Allerdings muss der Ältestenkreis sich regelmäßig fragen, ob wir das weiter so halten wollen.

Maibritt Gustrau: Wenden wir mal den Blick stärker zu den Mitgliedern. Welche Nationalitäten sind in Ihrer Gemeinde vertreten und gibt es auch den Wunsch in einer anderen Sprache außer Englisch zu feiern?

Rosemary Selle: Wir haben etwa 100 Mitglieder, die Hälfte davon sind Briten und die nächst größte Gruppe sind Deutsche. Dann haben wir noch Englischsprachige aus aller Welt, aber das sind meist kleinere Gruppen. Dass so viele Deutsche dabei sind, ist schön und etwas erschreckend zugleich. Natürlich sind einige davon Partnerinnen oder Partner von englischen Mitgliedern. Aber wir haben auch viele Deutsche, die allein kommen. Wir fragen dann, wenn wir sie kennenlernen oft nach, warum sie zu uns kommen. Wir haben z.B. Theologiestudierende, die die anglikanische Liturgie kennen- und schätzengelernt haben und sie wieder erleben möchten. Und dann haben wir leider auch – leider meine ich jetzt aus Sicht der evangelischen Kirchen – Mitglieder, die sagen, dass sie enttäuscht sind von ihrer eigenen Kirche oder Gemeinde und bei uns eine geistliche Heimat finden. Das sind nicht viele, aber doch einige. Alle schätzen die englische Sprache. Es gibt keinen Wunsch die Gottesdienste auf Deutsch oder einer afrikanischen Sprache abzuhalten. Wir haben aber mehrmals im Jahr mit den Altkatholiken zusammen zweisprachige Gottesdienste. Und bei Amtshandlungen, haben wir immer Teile in Deutsch dabei, also ein Tauflied, die Fürbitte oder die Lesung, so dass sich Deutsche, die nur zu diesem Anlass da sind auch wohl fühlen bei uns.

Maibritt Gustrau: Bei der Frage nach der Sprache hatte ich eine Beobachtung aus anderen Gemeinden im Hinterkopf. In einigen afrikanischen oder auch koreanischen Gemeinden ist inzwischen die 2.Generation herangewachsen: Junge Erwachsene, die in Deutschland aufgewachsen sind und die Muttersprache ihrer Eltern manchmal nicht mehr so gut oder eben nicht mehr nur sprechen und deshalb Gottesdienst auch auf Deutsch wünschen. Von daher entsteht dann manchmal der Wunsch zweisprachige Gottesdienste zu feiern, nicht deshalb, weil viele Deutsche da sind. Das scheint bei den Kindern ihrer Mitglieder nicht so zu sein?

Rosemary Selle: Ja, bei den Kindern ist das anders. Wir haben einen zweisprachigen Kindergottesdienst während des Hauptgottesdienstes. Die Kinder gehen nach einer bestimmten Zeit raus. Einige davon sprechen lieber Deutsch als Englisch. Insofern kann sich einiges in den nächsten Jahren verändern.

Maibritt Gustrau: Mit welchen Schwierigkeiten haben ihre Mitglieder zu tun, wenn sie nach Deutschland kommen. Gibt es auch bei der Übersiedelung von England nach Deutschland einen Kulturschock?

Rosemary Selle: Es gibt zumindest eine Hürde. Und das ist die deutsche Sprache. Die ist nicht leicht zu erlernen, vor allem in der Frühphase. Englisch ist sehr leicht zu erlernen, was die Grundzüge der Sprache angeht und wird dann immer schwieriger. Bei unseren Gemeindegliedern ist es häufig so, dass sie entweder einen Partner oder eine Arbeitsstelle haben und die Sprache deshalb schnell lernen. Oder sie brauchen Deutsch gar nicht. Es gibt internationale Firmen in Heidelberg, in denen die Umgangs- und Arbeitssprache Englisch ist.

Manchmal kann das Schulsystem für die Familien ein Problem sein, wenn die Kinder vom englischen ins deutsche System wechseln.

Maibritt Gustrau: Welche Erfahrungen machen Sie im Gottesdienst im Blick auf die Besucher und die verschiedenen Kulturen, die sie mitbringen? Gibt es Spannungen oder wirkt die anglikanische Liturgie eher verbindend?

Rosemary Selle: Ja, die Liturgie verbindet. Und für viele ist das auch der Grund, warum sie zu uns kommen. Aber wir sind uns durchaus bewusst, dass unsere Mitglieder teilweise aus anderen Traditionen kommen. Es sind nicht alle Anglikaner. Wir haben auch Methodisten oder Presbyterianer und andere. Wir versuchen manchmal Elemente aus anderen Traditionen in einen Gottesdienst einzubauen. Wir feiern z.B. ein Mal im Jahr den so genannten Bundgottesdienst der Methodisten. Es geht darum, den Bund mit Gott zu erneuern. Dieser Gottesdienst ist von John Wesley eingeführt worden. Wir feiern diesen Gottesdienst jetzt schon seit 20 Jahren. Manchmal wird er auch von befreundeten methodistischen Pfarrern gehalten. Andere Traditionen nehmen wir aber gern auch in der Musik auf.

Maibritt Gustrau: Sie sagten, dass auch Baptisten und Methodisten zu Ihrer Gemeinde gehören und Ihre Gemeinde als Verein organisiert ist. Wird man automatisch Mitglied der Church of England, wenn man dem Verein beitritt?

Rosemary Selle: Ja, die Mitgliedschaft ist ein kleines Kapitel für sich. Mitglied ist man zunächst dadurch, dass man da ist. Alle, die an einem Sonntag im Gottesdienst sind gehören zum Leib Christi. Und Mitglied ist man durch die Taufe. Das gilt in der anglikanischen Kirche weltweit und sie ist mit keinerlei Erwartungen verbunden was die Aktivität angeht oder die Finanzen. Man ist einfach Mitglied. Es gibt aber auch die Möglichkeit einer etwas formelleren Mitgliedschaft. Das sind sog. Wählerverzeichnisse, electoral roll, in die man sich eintragen lassen kann. Damit bekommt man das aktive und passive Wahlrecht. Man darf also in den Vorstand oder Ältestenkreis gewählt werden und darf wählen und auch verschiedene andere Funktionen übernehmen. Bei uns sind 45 eingetragen. Die kommen normalerweise auch regelmäßig in den Gottesdienst. Sie fühlen sich uns sehr verbunden. Dann gibt´s den Verein, der ist noch etwas größer, der hat zur Zeit 55 Mitglieder, und der trägt die Gemeinde finanziell. Der Mitgliederbeitrag liegt zur Zeit bei 30 € im Jahr. Das ist aber nicht alles, was wir an Einkommen haben. Manche geben mehr.

Wir haben also drei Formen von Mitgliedschaft: Taufe, Wählerverzeichnis und den Verein.

Maibritt Gustrau: Was wünschen Sie der Church of England in Heidelberg an Veränderungen in den nächsten zehn Jahren?

Rosemary Selle: Zehn Jahre ist ein langer Zeitraum. Ich würde erstmal über fünf Jahre nachdenken. Also ein festangestellter Pfarrer steht nicht auf der Wunschliste. Aber es entsteht die Frage der Nachhaltigkeit. Nehmen wir mal an, ich wäre nicht mehr da: wer übernimmt die Funktionen und Aufgaben, die ich jetzt habe? Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach Menschen, die das weiter tragen können. Aber das ist ein Problem bei uns. Wir haben viele, die zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, und manche sind sehr mit der beruflichen Laufbahn beschäftigt. Sie kommen gern zu uns und sind auch oft im Church Council, aber wollen und können keine weiteren Aufgaben übernehmen. Insofern ist die Frage wichtig, wie Nachhaltigkeit erhalten werden kann über die nächsten Jahre. Es ist auch immer wieder notwendig nach unserer Raison d´être zu fragen: Warum sind wir als Englische Kirche in Heidelberg? Es gibt ja keine Französische Kirche, oder keine Schwedische Kirche. Die Frage stellt sich auch im Blick auf die Kinder. Wir freuen uns immer, wenn Kinder bei uns getauft werden. Wir freuen uns aber auch, wenn wir hören, dass sie dann in eine deutsche Kirche gehen, wenn sie einer deutschen Gemeinde angehören. Denn an sich sollte es so sein. Wenn sie hier aufwachsen und hier zur Schule gehen, dann ist es auch wichtig, dass sie hier in deutschen Gemeinden zu Hause sind.

Maibritt Gustrau: Wird der Mitgliederbestand nicht allein schon dadurch erhalten, dass es immer wieder neuen Zuzug gibt?

Rosemary Selle: Nein, denn der ist nicht so kirchlich wie früher. Die Säkularisierung ist sehr weit fortgeschritten. Es gibt z.B. eine internationale Schule in Heidelberg, von der wir kein einziges Mitglied haben. Lauter britische Eltern und Kinder, aber kein Interesse an der Kirche.

Maibritt Gustrau: Könnten Sie sich Kooperationen mit anderen englischsprachigen Christen vorstellen? Aus afrikanischen Ländern kommen ja sehr viele Christen, die Räume und Anschluß suchen.

Rosemary Selle: Ja, es gibt ja viele englischsprachige Gemeinden in und um Heidelberg. Da haben wir aber normalerweise keinen Kontakt, es sei denn einer kommt zu uns. Ich glaube, da kommt dann „das Anglikanische" ins Spiel. Auf Menschen anderer Traditionen kann das als etwas sehr staatstragendes und britisches wirken, mit dem sie nicht so gut umgehen können. Wir haben das schon in Gesprächen erlebt, wenn wir uns darüber unterhalten haben, ob wir mal was zusammen machen wollen. Es gäbe sicher Fragen und Spannungen. Nehmen wir z.B. Baptisten. Wir haben auch schon Baptisten als Mitglieder gehabt, die dann wieder zu den Baptisten gegangen sind, weil sie dort eine lebendigere Kinderarbeit gefunden haben. Wir haben eigentlich wenig Kinder, die regelmäßig da sind. Die Baptisten haben Familiengottesdienste. Wir haben das immer ein bisschen gemieden, weil wir nicht den Eindruck erwecken wollten, wir seien nur für Familien da. Bei den Amerikanern ist das häufig der Fall, dass Gottesdienst Familiengottesdienst heißt. Wenn man sich dabei wohlfühlt, ist das ja schön. Wir versuchen das so zu machen, dass möglichst alle sich aufgenommen fühlen. Zusammenarbeit wäre vielleicht möglich. Aber im Fall von Baptisten und Anglikanern wären schon auch gewisse Hürden zu überwinden.

Wir hatten übrigens Anfang der 70er Jahre eine ganz enge Zusammenarbeit mit der badischen Landeskirche. Damals war sie so weit, uns finanziell unterstützen zu wollen. Und wer hat das verhindert? Es war unser damaliger Bischof! Weil er meinte, dass die evangelische Kirche in der apostolischen Sukzession nicht an der richtigen Stelle steht und deswegen auch nicht so richtig anerkannt werden kann. Deshalb durften sie uns auch nicht unterstützen.

Maibritt Gustrau: Jetzt ist das vermutlich nicht mehr aktuell. Kommen Sie denn mit Ihren Finanzen gut zurecht?

Rosemary Selle: Ja, wir tragen uns selbst und brauchen keine Unterstützung von außerhalb. Wir leben von der Hand in den Mund. Aber mehr brauchen wir auch nicht. Wir wollen aber nicht nur für uns selber da sein. Deshalb wählen wir jedes Jahr in der Jahresversammlung ein Projekt aus, das wir unterstützen. Zur Zeit ist es Choleraprävention in Haiti.

Einen Nachtrag habe ich noch zu den Gottesdienstbesuchern. Wir haben auch immer Touristen als Gäste oder Menschen, die beruflich kurz in Heidelberg sind und einige englischsprachige Gäste, die Patienten in den umliegenden Krankenhäusern sind. Es gibt in Heidelberg Krebstherapien, die nirgendwo sonst angeboten werden. Da sind die Leute oft nicht bettlägerig. Für uns gehört es dazu, dass wir sie begleiten während ihrer Therapie. Sie kommen meist für einige Wochen in größeren Abständen.

Maibritt Gustrau: Wie erfahren sie von Ihrer Gemeinde?

Rosemary Selle: Die meisten informieren sich vorher im Internet. Manche schreiben uns auch einen Brief. Wir haben ein „Ministry of welcome". Das bedeutet, dass wir für alle Menschen da sind, die an einem bestimmten Sonntag zu uns kommen. Es ist uns wichtig, dass alle Gäste alles haben, was sie für den Gottesdienst brauchen. Die volle  Liturgie soll abgedruckt sein, nach dem Gottesdienst werden sie zu Kaffee und Tee eingeladen und wir versuchen, sie soweit wie möglich zu integrieren und  einzubinden. Dieses Ministry of Welcome kostet natürlich auch Zeit und ein bisschen Geld, aber es ist uns ganz wichtig, dass wir alle ansprechen. Es sei denn sie geben zu verstehen, dass sie das nicht möchten. Aber die meisten erzählen gern, warum sie in Heidelberg sind und wie lange usw.

Maibritt Gustrau: Wie machen Sie das praktisch? Haben Sie bestimmte Leute, die das dann an diesem Sonntag als Auftrag haben, oder ist Ihre Gemeinde schon so geübt, dass das ganz natürlich funktioniert?

Rosemary Selle: Jetzt ja. Das hat ein bisschen gedauert. Einige mussten auch erst akzeptieren, dass sie das können. Sie haben erst behauptet, sie könnten das gar nicht. Sie haben das dann aber eingeübt. Einige können es sehr, sehr gut und machen es auch von sich aus. Es gibt keinen formellen Auftrag. Alle machen es so gut sie können.

Maibritt Gustrau: Das finde ich toll. In vielen landeskirchlichen Gemeinden scheint mir das ein großes Manko zu sein. Da gibt es keine Willkommenskultur. Es ist sogar möglich, dass jemand jahrelang einen Gottesdienst besucht, ohne dass er oder sie angesprochen wird.

Rosemary Selle: Ja, das ist traurig. Dazu kommt noch, dass sich die, die den Gottesdienst leiten, oft so verhalten, als wüßten alle Bescheid. Das Gesangbuch wird auf und wieder zu geschlagen. Das habe ich selbst am Anfang hier schwierig gefunden. Da wurde nie etwas angesagt. Die Evangelischen wußten natürlich wie es funktioniert. Man kann es auch übertreiben mit den Ansagen, aber es sollte schon so sein, dass die Besucher sich wohlfühlen und folgen können.  

Maibritt Gustrau: Ich verstehe manchmal nicht, warum sich die Gemeindeglieder so schwer tun. Manche empfinden ja schon den Friedensgruß als Zumutung.

Rosemary Selle: Das ist in England auch so. Die Briten sind ja auch eher zurückhaltend. Da gibt es  einen Unterschied zu den Amerikanern. Das merken wir auch in Deutschland in den englischsprachigen Gemeinden. Die Amerikaner fragen gern am Anfang, wer zu Besuch ist und nötigen die Gäste dann aufzustehen. Das wäre bei uns unmöglich. Aber wir grüßen uns mit dem Friedensgruß. Wir haben darüber gesprochen, wie man das macht. Es gibt ja Gemeinden, wo Leute sich um den Hals fallen. Das ist einerseits schön, weil sie ihre Freunde sehen. Aber wir sind ja kein Club. Deswegen haben wir uns überlegt, dass nur die Hand gegeben wird, auch wenn man gut befreundet ist. Andere sollen nicht ausgeschlossen werden, bzw. es soll nicht ihr Status als Besucher auf diese Weise markiert werden. In England gibt es immer noch viele Gemeinden, die das nicht wollen. Oder auch das Phänomen, das man nicht nach rechts oder links schaut, um zu sehen, wer da noch in der Kirchenbank sitzt.

Kirche als Club – das ist ein Eindruck, den wir unbedingt vermeiden wollen. Manchmal beim Kaffeetrinken wirkt das so, wenn z.B. Leute über die Köpfe der anderen hinweg sich etwas zurufen, weil sie sich gut kennen. Und der Besucher steht dazwischen und weiß dann nicht so recht, was er oder sie tun soll. Er fühlt sich dann nicht gut dabei. Es geht also darum, dass man immer wieder, sein eigenes Verhalten reflektiert.

Was bei uns noch als Problem dazu kommt, ist, dass wir uns nur am Sonntag sehen. Da ist die Versuchung schon groß sich nur mit den Freunden zu unterhalten. Die Zuwendung zu den Besuchern, die Gastfreundschaft, braucht also auch etwas Disziplin. Nach dem Kaffee bleibt dann nur der Abwasch und das Aufräumen, bei dem man sich austauschen kann. Das funktioniert nicht immer, aber wir versuchen es.

Maibritt Gustrau: Die bewusst gepflegte Gastfreundschaft ist ein gutes Ende für unser Gespräch. Vielen Dank, Frau Selle.